Gestickte Pracht – gemalte Welt

Tora-Wimpel Sammlung Städtisches Museum Göttingen

„Aber die schönste und merkwürdigste Sammlung habe ich im Städtischen Museum in Göttingen vorgefunden obwohl dort nur ca. 30 Stück sind, gehören sie doch zu den wertvollsten.

Sie stammen aus den frühen Zeiten, nämlich aus der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts. Man muss sagen, je älter ein Wimpel ist, desto farbenprächtiger und interessanter ist er. Fast jeder Streifen ist ein Kunstwerk.

Diese Sammlung ist Material, ein sehr dankbares sogar, für jeden Kunsthistoriker. Die Figuren und Symbole auf diesen Wimpeln sind ein Schatz für jeden der sich mit Volkskunde beschäftigt.“

Mordechai W. Bernstein: Lebendige Vergangenheit. Der Tora Wimpel: Zeuge jüdischer
Volkskunst, in: Allgemeine Wochenzeitung der Juden in Deutschland, 1.12.1950
(Institut für Zeitgeschichte – Archiv).

Michal S. Friedlander

5 Fragen, 5 Antworten

Kuratorin für Judaica und Angewandte Kunst, erklärt:
Was sind Tora –Wimpel?

Ernst Böhme

5 Fragen, 5 Antworten

Historiker, beantwortet Fragen
zu der Herkunft der Tora-Wimpel
im Städtischen Museum Göttingen

Ernst Böhme

5 Fragen, 5 Antworten

Historiker, beantwortet Fragen
zu der Herkunft der Tora-Wimpel
im Städtischen Museum Göttingen

Ada Hinkel

5 Fragen, 5 Antworten

Textilrestauratorin, beschreibt die
bei der Herstellung der Toar-Wimpel
verwendeten Materialien
und Techniken

Grußwort

von Jacqueline Jürgenliemk
Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Göttingen e.V. und dem Rabbiner drs. Edward van Voolen

Wir beglückwünschen die Stadt Göttingen, Frau Rechenberg als Leiterin des Stadtmuseums und
diejenigen, die diese Ausstellung ermöglicht haben zur erstmaligen Präsentation der Torawimpel
als Teil der Sammlung jüdischer Kultgegenstände.

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Diese Ausstellung ist von herausragender Bedeutung, wirft sie doch ein einzigartiges Licht auf die
jüdische Lebenswelt innerhalb der Stadt und des Landkreises Göttingen. Die Torawimpel sind Teil
einer Judaica-Sammlung, die zu Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts begonnen und 1949 von
Mordechai Wolf Bernstein inventarisiert und wissenschaftlich dokumentiert wurde.
Die Tradition der Torawimpel dürfte den Mitgliedern unserer Bodenfelder Synagoge, die 2008 nach
Göttingen transloziert und wieder eingeweiht wurde, eine bekannte Praxis gewesen sein. Mit der
Ermordung und Vertreibung jüdischer Menschen in der Shoah verschwanden auch die wertvollen
Kultgegenstände, sie wurden zerstört oder gestohlen. Dass die Torawimpel in Göttingen in so
großer Zahl vorhanden sind, ist ein Glücksfall – weltweit gibt es wenige Sammlungen dieses
Umfangs und dieser Importanz. Ein Wimpel, auch Binder, Wickelband oder Mappa, (Hebräisch, pl.
Mappot) ist immer mit Namen versehen, so dass wir nachvollziehen können, für wen der Wimpel
gestiftet wurde: Einem namentlich genannten Jungen mit dem Datum seiner Beschneidung und dem
Wunsch ‚Möge der Ewige ihn heranwachsen lassen zur Tora (Studium), Chuppa (Heirat) und zu
guten Werken, Amen.‘
Unser Wunsch ist, dass die Ausstellung dazu beiträgt, jüdisches Leben und religiöse Praxis in
Göttingen und im Landkreis sichtbar zu machen und in die Gegenwart zu holen – was besonders
wichtig erscheint angesichts des wieder anwachsenden Fremdenhasses und Antisemitismus. Das
Stadtmuseum sollte mit ihrer großartigen Sammlung jüdischer Kultgegenstände in der Lage sein,
Schulen und ein breit gefächertes Publikum, jung und alt, für einen wesentlichen Teil der jüdischen
Religion und Kultur zu interessieren.
Wir als Jüdische Gemeinde in Göttingen sind die Erben einer jahrhundertelangen jüdischen
Anwesenheit in dieser Stadt. Deswegen würden wir uns sehr freuen, wenn das Stadtmuseum in
absehbarer Zeit ihre Räume wieder so umfassend nutzen können, dass ihre gesamte, einzigartige
Judaica-Sammlung in einer zeitgemäßen Präsentation der Öffentlichkeit gezeigt, digital zugänglich
gemacht und mit spannenden Programmen vermittelt werden kann.
Wir gratulieren herzlich zu diesem ersten Schritt.

Grußwort

von Eva Tichauer Moritz
Vorsitzende der Jüdischen Kultusgemeinde für Göttingen und Südniedersachsen e.V.

Die Geburt meiner Kinder.
Meine Kinder wurden zu Zeiten geboren, als man vorher nicht wissen konnte, ob es ein Junge oder ein
Mädchen sein würde.

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Der Volksmund in Chile war sich sicher, bei meinem ersten Kind würde es ein Mädchen werden, weil ich einen runden Bauch hatte. Im Dezember 1966, noch während meines Studiums in Valparaíso, kam ein Mädchen zur Welt, alles ohne Komplikationen.

Beim zweiten Kind sollte es ein Junge sein, weil mein Bauch spitz war.

Wie recht der Volksmund hatte!

Zwei Monate vor der Geburt, meine Mutter lag leider im Sterbebett, bat sie mich: „Falls es ein Junge wird, lass‘ ihn bitte beschneiden! Lass‘ Deinen Papa alles regeln“

Für mich war das eine Selbstverständlichkeit. Der Sohn kam im November 1969 auf die Welt. Am vierten Tag nach der Geburt stand ohne Vorankündigung ein mindestens zwei Meter langer Rabbiner vor unserer Tür, voll schwarz gekleidet, mir unbekannt, und ich wollte ihm automaisch die Hand geben, total vergessend, dass ein orthodoxer Rabbiner niemals eine fremde Frau berühren darf, noch dazu eine Wöchnerin.

Er kam mit mir ins Kinderzimmer, beäugte meinen Sohn und bat mich, das Kind auszuziehen.

Dann fing bei mir der Horror an: Er nahm das Kind mit einer Hand und warf es in die Luft, fing es sitzend in seiner enormen Hand vom ,Flug‘ auf, legte es an sein Ohr und sagte: „Alles perfekt, sein Herz blieb stehen!“ Meins auch!

Er stellte den Jungen in eine kniende und Ellbogen-Position, mein Kind blieb einen Moment so… bis es auf dem Bauch landete. So ging es weiter, ca. fünf Minuten lang. Der Junge ließ alles mit sich machen, ohne einen Pieps, als ob er die Autorität des Rabbi erkannt hatte. Dann sagte der Rabbiner: „Er ist vollkommen gesund, in zwei Tagen geht die gelbe Farbe weg, so werden wir ihn am 8. Tag beschneiden. Sag Deinem Vater, er soll alles vorbereiten.“

In der Zwischenzeit sollte ich immer beim Windelwechsel die Vorhaut etwas nach hinten bewegen.

Und es kam der 8. Tag: Mein Vater hatte aus einem Restaurant Essen für 50 Personen bestellt, damit ich nicht viel zusätzliche Arbeit haben sollte. Und die Gäste kamen: Fast alle Familienangehörigen sowie meine Schwiegereltern, die das Zeremoniell nicht kannten und sehr nervös waren. Sie standen neben meinem Mann. Mein Vater war der Pate, er saß auf dem Stuhl des Propheten Elías (dem größten und bequemsten), mein Mann war blass, ich wollte mit meiner Tochter weglaufen, … aber stoisch sind wir geblieben.

Haltend an die Tradition, habe ich meinem Sohn ein langes weiches Tuch über die Windel umgelegt – für ein späteres Besticken oder Bemalen in Erinnerung an diesen historischen Moment in seinem Leben.

Der Mohel – ein Rabbiner mit medizinischem Studium und mehrjähriger praktischer Ausbildung als Beschneider – gab meinem Sohn zwei Fläschchen 0,02 Liter Bier… die er – zum Erstaunen aller Anwesenden – genüsslich trank … sein erstes Besäufnis. Mein Vater hielt den Jungen auf dem Schoß mit einer Hand hinter dem Rücken des Kindes beide Händchen und mit der anderen Hand die Beinchen haltend.

Bis dahin staunte das Kind, ,besoffen‘ mit enorm geweiteten Augen, nur … es kam der Schnitt, ein halber Schrei: Ich habe nicht hingesehen, meine Tochter umarmte mich, ein großes Staunen allerseits, mein Schwiegervater war grün im Gesicht und musste gehalten werden, der Junge hat nicht geweint – er war vom Bier benommen. Dann folgte ein zweiter Schnitt wegen einer doppelten Vorhaut. Der Rabbiner rief mir zu: „Gleich an die Brust!“ ordnete er an! Ich nahm meinen Sohn, ging ins Nebenzimmer, und der Junge schlief nach drei oder vier Schlucken auf der Stelle selig ein.

Ich fragte den Mohel noch, wie ich die Wunde behandeln sollte, da diese sicherlich nass werden würde:

„Nichts tun: Pischen macht die Wunde heil, in zwei Tagen wird nichts mehr zu sehen sein.“

Heute, mehr als 50 Jahre später, angesichts der Tora Wimpel-Ausstellung alter wieder aufgefundener Wimpel im Städtischen Museum zu Göttingen, möchte die Tochter meines Sohnes das Tuch, das er beim Brit getragen hatte, der selbstverständlich in einem unserer Koffer mit ins Exil kam, mit einigen Stationen seines Lebens bemalen. Ich war nie dazu gekommen, es zu beschriften und / oder zu bemalen, hatte es aber immer im Gepäck dabei. Und das ist gut so!

Adina Eckart

Ausstellungsimpressionen

Historikerin und wissenschaftliche Volontärin,
vermittelt Impressionen aus der Ausstellung

Adina Eckart

Ausstellungsimpressionen

Historikerin und wissenschaftliche Volontärin,
vermittelt Impressionen aus der Ausstellung

Der Bestandskatalog zur Ausstellung

Der vorliegende Bestandskatalog hat sich bewusst gegen eine rein wissenschaftliche Dokumentation des Sammlungsbestands entschieden. Im Blickpunkt ist die Vermittlung sowohl der im Bildprogramm enthaltenen Informationen zu jüdischen Traditionen, zum Glauben und das Aufzeigen der Bedingungen des jüdischen Lebens über drei Jahrhunderte in einer christlich geprägten Gesellschaft. Neben diesem skizzierten Kontext, in dem diese Sammlung betrachtet werden muss, stehen gleichrangig die Besonderheit und Schönheit jedes einzelnen Wimpels. Die Stickereien und Malereien vermitteln auf eindrucksvolle Weise nicht nur die Freude an dem neugeborenen Kind, sondern auch die elterlichen Wünsche und Hoffnungen für ein glückliches Leben in der Tradition der Gemeinde.

Die Ausstellung ist vom 18.07. bis zum 17.10.2021 im Städtischen Museum Göttingen zu sehen. Für Informationen zu Öffnungszeiten und Regelungen bzgl. Covid-19 besuchen Sie uns gerne auf museum.goettingen.de/